Spaziergang durch die Ortsteile
Raus aus dem Ortskern, rein in die Ortsteile: Geitau, Dorf und Osterhofen zeigen ein Bayrischzell, das die meisten Besucher nie zu sehen bekommen.
Wer Bayrischzell nur vom Ortskern kennt, Kirche, Rathaus, Hauptstraße, der hat einen großen Teil der Geschichte verpasst. Die Gemeinde besteht aus mehreren Ortsteilen, und in jedem stecken eigene Geschichten: alte Kapellen, die von den Bauern selbst gebaut und finanziert wurden. Gasthöfe, die im Krieg als Lazarett dienten. Höfe, die seit Generationen in Familienbesitz sind. Und Wegekreuze, die von den Einwohnern liebevoll gepflegt werden.
Dieser Spaziergang führt euch durch Geitau, Dorf und Osterhofen, drei Ortsteile, fünf Stationen, und ein Bild von Bayrischzell, das deutlich über die übliche Postkarten-Perspektive hinausgeht. Mein Tipp: Nehmt euch ein Rad. Zu Fuß sind die Strecken zwischen den Ortsteilen etwas weit, und mit dem Auto hat man das Problem, dass die Parkmöglichkeiten nicht bei jeder Station direkt nebenan sind. Wer trotzdem zu Fuß gehen will: Zwischen Osterhofen und Geitau nicht an der Bundesstraße entlang, sondern lieber hinter dem Klarerhof herum oder über Dorf auf den Wanderwegen nach Geitau, das ist abseits der Straße und deutlich schöner.

Die Kapelle Geitau, das Schmuckkästchen
Der Spaziergang beginnt im Ortsteil Geitau mit einer Kapelle, die der Bayrischzeller Chronist Michael Meindl als „die älteste und unstreitbar interessanteste Kapelle der Pfarrei" beschrieb: von außen ein armseliges Holzgebäude, innen ein wahres Schmuckkästchen.
Und genau so ist es. Von außen schaut die Kapelle nach nichts aus, ein kleines Holzhäuschen, an dem man leicht vorbeigeht. Doch hinter der Tür hängen große Ölgemälde aus dem 17. und 18. Jahrhundert, einen Heiligen neben dem anderen. Der Grund für diese Pracht: Die Bilder gehörten ursprünglich gar nicht hierher, sondern ins Kloster Fischbachau. Nach dessen Auflösung im Zuge der Säkularisation kam ein Teil der Schätze nach Geitau, ein Stück Klostergold, gestrandet im Bergdorf.
Mein Tipp: Such in der rechten Ecke beim Altar das kleine Barock-Altärchen. Darauf steht ein Vierzeiler von 1837, der heute noch ins Mark trifft, einer der schönsten Sätze, die ich in einer Kapelle hier gefunden habe. Mehr verrate ich nicht. Den musst du selbst lesen.

Der Postgasthof „Rote Wand"
Mitten in Geitau steht der Postgasthof Rote Wand, ein Haus, das schon viel mehr war als ein Wirtshaus. Begonnen hat alles um 1900 mit einer Krämerei und Flaschenbierhandlung; das eigentliche Gasthaus wurde von 1906 bis 1908 erbaut. Seit 1912 ist es im Besitz der Familie Gaukler, die es heute in vierter Generation führt.
Dass das Haus eine bewegte Geschichte hat, sieht man ihm heute nicht mehr an: Im Zweiten Weltkrieg diente die Rote Wand als Lazarett und Auffangstation für Verletzte und Heimatvertriebene, und 1940 war hier sogar eine Schule mit acht Klassen untergebracht. Dasselbe Haus, in dem man heute gemütlich einkehrt.
Inzwischen hat die junge Generation übernommen, und dahinter steckt eine persönliche Entscheidung: Der Sohn musste sich zwischen einer Karriere als Skirennläufer und dem Wirtshaus entscheiden. Er hat sich für die Gastronomie entschieden, und das merkt man bis heute auf dem Teller.

Der Hasenöhrlhof
Der Hasenöhrlhof in Geitau ist weit älter, als man ihm auf den ersten Blick ansieht: Der denkmalgeschützte Gutshof stammt aus dem Jahr 1516, er steht hier also seit über 500 Jahren, lange bevor an Tourismus oder Tagungen überhaupt zu denken war. Seit dem Jahr 2000 ist er im Besitz der Familie Hasenöhrl, die ihn komplett saniert und zu neuem Leben erweckt hat.
Heute dient er als Location für Firmenevents, Tagungen und private Feiern. Das Besondere: Die alte Bausubstanz wurde nicht überdeckt, sondern bewusst genutzt. Wo früher das Vieh stand, finden heute Veranstaltungen statt, aus dem Kuhstall ist ein Tagungsraum geworden, der Stadl beherbergt Feste. Ich kenne den Hof von Hochzeiten und Veranstaltungen, und das Ambiente zwischen alter Substanz und moderner Nutzung ist wirklich besonders.
Spannend ist auch der ursprüngliche Hofname „Unteröstner". Er verrät die Lage: im Osten Geitaus, der „untere" der beiden Östner-Höfe. Das benachbarte Anwesen, der „Oberöstner", ist seit 1927 im Besitz der Familie Storr und heute eher als Storrhof bekannt. Solche alten Hofnamen erzählen oft mehr über die Ortsgeschichte als jedes Geschichtsbuch, sie waren über Jahrhunderte die eigentliche Adresse, lange bevor es Hausnummern gab.

Die Lourdeskapelle
Weiter geht es in den Ortsteil Dorf. Die Lourdeskapelle wurde 1884 im gotischen Stil zu Ehren der Muttergottes von Lourdes erbaut, und zwar nicht von der Kirche oder der Gemeinde, sondern auf private Initiative: Ein einzelner Mann aus Dorf, der damalige Bürgermeister, ließ sie auf eigene Kosten errichten. Die vier Bauern des Ortes halfen unentgeltlich mit ihren Pferdegespannen und ihrer Arbeitskraft mit. Das sagt viel darüber, wie tief verwurzelt der Glaube in dieser Gegend war.
Den Altar bildet eine Grotte aus echten Tropfsteinen, ein Stück Lourdes mitten in den Bayerischen Alpen. Und die Madonna in der Nische hat eine Eigenheit, die schon damals für Rätselraten sorgte: Von vorne wirkt ihr Gesicht jung und friedlich, betrachtet man es aber aus der Ecke, plötzlich schmerzlich und traurig. Selbst die Werkstatt, die sie geschaffen hat, konnte sich das nicht erklären; es käme wohl nur auf einen einzigen Pinselstrich an. Ein Grund mehr, es selbst zu versuchen: Die Kapelle ist nämlich oft zugesperrt, wer sie von innen sehen will, braucht etwas Glück.

Die Kapelle von Osterhofen
Im Ortsteil Osterhofen steht eine Kapelle aus dem Jahr 1798, und sie ist im Sommer in der Regel tagsüber zugänglich. Reinschauen lohnt sich, denn an der Decke versteckt sich eine kleine Besonderheit.
Dort ist ein Deckengemälde zu sehen, das ein Schiff zeigt. Und in diesem Schiff sitzen nicht etwa Heilige oder Engel, sondern die Menschen, die die Kapelle gebaut und bezahlt haben: die Stifter, die Gönner und die Arbeiter, allen voran Magdalena Widmesser, eine Wirtstochter aus Osterhofen. Ein ganzes Dorf, gemeinsam in einem Boot, für die Ewigkeit an die Decke gemalt.
Gemalt hat es derselbe Künstler, der auch den Kreuzweg in der Geitauer Kapelle geschaffen hat.
Der Altar stammt noch aus dem Baujahr 1798. Bei der Renovierung 1890 wurde er bewusst unverändert gelassen, er steht heute noch genau so da, wie er vor über zweihundert Jahren aufgestellt wurde.
Die Ortsteile entdecken
Fünf Stationen, drei Ortsteile, am besten mit dem Rad. Geitau und Osterhofen gefallen mir persönlich besonders gut, aber das muss jeder selbst herausfinden. Am besten kombiniert mit dem Ortsspaziergang durch den Kern, dann habt ihr die ganze Geschichte.
Beim Laden der Karte werden Daten an OpenStreetMap übertragen.
- 1Kapelle Geitau▶ Audio
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Du stehst vor einem unscheinbaren Holzhäuschen. Man könnte einfach vorbeigehen.
Und genau das ist der Trick.
Denn der Chronist von Bayrischzell nannte ausgerechnet dieses Häuschen die älteste, interessanteste und wertvollste Kapelle der ganzen Pfarrei. Von außen, schrieb er, ein armseliges Holzgebäude — innen ein wahres Schmuckkästchen.
Was sich da drinnen auftut, passt eigentlich nicht hierher. Große Ölgemälde aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, einen Heiligen neben dem anderen — eine Pracht, die man in einer Dorfkapelle dieser Größe einfach nicht erwartet.
Und es gibt einen Grund, warum sie nicht hierher passt: Sie gehörte ursprünglich gar nicht hierher. Diese Bilder stammen aus dem Kloster Fischbachau. Als die Klöster vor gut zweihundert Jahren aufgelöst wurden, kamen ihre Schätze in alle Winde — und ein Teil davon landete hier, in dieser kleinen Holzkapelle. Ein bisschen Klostergold, gestrandet im Bergdorf.
Lass den Blick durch das Gitter wandern. Sieh dir den heiligen Martin an, hoch zu Ross. Aber schau, wer ihm da zu Füßen sitzt: kein Bettler in antikem Gewand, wie man ihn sonst auf solchen Bildern sieht — sondern einer in zerrissener Gebirgstracht, mit kurzer Hose und Rucksack, wie er hier durchs Tal gezogen sein könnte.
Und jetzt schau nach rechts, in die Ecke beim Altar.
Dort steht ein kleines, zierliches Barock-Altärchen. Nimm dir einen Moment und lies, was darauf steht. Die Worte sind fast zweihundert Jahre alt — und sie treffen heute noch.
Da steht:
Ich lebe … und weiß nicht wie lang.
Ich sterbe … und weiß nicht wann.
Ich fahre … und weiß nicht wohin.
Es wundert mich, dass ich so fröhlich bin.
Lass das einen Moment wirken.
Irgendein Mensch hat das hier hinschreiben lassen, im Jahr achtzehnhundertsiebenunddreißig. Einer, der vom Leben so wenig sicher wusste wie wir heute — und der trotzdem, oder gerade deswegen, fröhlich war.
Dieses Holzhäuschen, an dem man fast vorbeigegangen wäre, gibt einem etwas mit, wofür andere ein ganzes Buch brauchen.
Tritt ruhig wieder einen Schritt zurück. Aber den Spruch — den nimm mit.
- 2Postgasthof Rote Wand▶ Audio
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Jetzt meld ich mich mal selbst zu Wort, der Michi vom Treffpunkt. Diese Station erzähl ich dir lieber persönlich, weil ich den Ort wirklich kenne.
Der Postgasthof Rote Wand. Wir gehen hier mit der Familie immer wieder gern essen — und ich sag dir gleich: Das Haus hat mehr erlebt als die meisten Menschen.
Aber bevor du reingehst, dreh dich noch mal um und schau es dir an. Denn das hier war längst nicht immer ein Wirtshaus.
Angefangen hat alles um neunzehnhundert — mit einer kleinen Krämerei und einer Flaschenbierhandlung. Ein paar Jahre später wurde dann das eigentliche Gasthaus gebaut, das du heute vor dir siehst. Seit über hundert Jahren ist es in derselben Familie. Vier Generationen.
Und in diesen hundert Jahren ist hier einiges passiert, das man dem gemütlichen Haus heute gar nicht mehr ansieht.
Im Zweiten Weltkrieg war die Rote Wand ein Lazarett — eine Auffangstation für Verletzte und für Menschen, die ihre Heimat verloren hatten. Und kurz davor, neunzehnhundertvierzig, war hier sogar eine Schule untergebracht. Acht Klassen, unter diesem einen Dach.
Was das Haus heute ausmacht, ist aber eine ganz persönliche Geschichte — und die mag ich besonders. Die junge Generation hat übernommen, und der Sohn stand vor einer echten Entscheidung. Er war auf dem Weg in den Skisport, hätte die Karriere machen können. Stattdessen hat er sich für das Wirtshaus entschieden. Für die Küche. Für dieses Haus.
Und glaub mir — das schmeckt man. Bodenständig, ehrlich, richtig gut. Eine Küche, die einer kocht, der sich ganz bewusst dafür entschieden hat.
Also: Geh rein. Setz dich. Lass dir's schmecken. Und wenn du da so sitzt, denk einen Moment dran, wer alles vor dir an diesem Ort war.
Manche Häuser sind einfach ein Wirtshaus. Und manche sind das Gedächtnis eines ganzen Dorfes.
- 3Hasenöhrlhof▶ Audio
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Hier steht ein Bauernhof, der älter ist als fast alles, was man heute kennt.
Schau ihn dir an. Auf den ersten Blick: ein schön hergerichteter alter Hof. Aber dieses Gebäude steht hier seit dem Jahr fünfzehnhundertsechzehn.
Lass diese Zahl einen Moment wirken. Fünfzehnhundertsechzehn. Das ist über fünfhundert Jahre her. Als hier der erste Balken gesetzt wurde, lebte Martin Luther noch, von Amerika hatte in Europa kaum jemand gehört, und der Dreißigjährige Krieg war noch über hundert Jahre entfernt. Seitdem steht dieser Hof. Er hat Kriege überdauert, Hungersnöte, ganze Jahrhunderte. Und er steht immer noch.
Lange war das ein ganz normaler Bauernhof — Vieh, Felder, harte Arbeit. Seit dem Jahr zweitausend gehört er einer Familie, die ihn behutsam wieder zum Leben erweckt hat. Und das Schöne ist, wie sie es gemacht haben: Sie haben das Alte nicht versteckt, sondern genutzt. Wo früher die Kühe im Stall standen, finden heute Feste und Veranstaltungen statt. Aus dem Kuhstall ist ein Raum für Menschen geworden — die alten Mauern stehen noch, sie haben nur eine neue Aufgabe bekommen.
Und jetzt etwas, das der Hof selbst nicht verrät — aber sein Name.
Eigentlich heißt dieser Hof nämlich gar nicht Hasenöhrlhof. Sein alter Hofname ist „Unteröstner". Und dieser Name verrät, wo man gerade steht. „Östner" — das heißt: im Osten von Geitau. Und „Unter", weil es zwei davon gibt: den unteren und den oberen Östner-Hof. Der obere liegt gleich in der Nähe und heißt heute Storrhof.
So hat man hier früher die Höfe benannt — nicht nach Straße und Hausnummer, die gab es ja noch gar nicht. Sondern nach ihrer Lage, nach der Himmelsrichtung, nach der Familie. Der Hofname war über Jahrhunderte die eigentliche Adresse. Und viele dieser Namen leben bis heute — auch wenn längst andere Familien auf den Höfen wohnen.
Wer also das nächste Mal in einem alten Dorf einen Hofnamen hört, der so gar nicht zur heutigen Familie passt — der weiß jetzt: Da steckt eine Geschichte dahinter. Oft eine, die älter ist als jedes Geschichtsbuch.
Und manchmal, wie hier, älter als ein halbes Jahrtausend.
- 4Lourdeskapelle▶ Audio
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Du stehst vor einer kleinen Kapelle, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.
Angefangen hat alles mit einem Testament. Ein Bauer hier in Dorf hinterließ Geld für den Bau einer Kapelle — aber mit einer Bedingung: Geschieht in fünfzehn Jahren nichts, fällt alles an die Pfarrkirche unten in Bayrischzell.
Und dann geschah … nichts.
Die Frist lief ab, das Vermächtnis war weg. Die Kapelle war gestorben, bevor sie je existierte. Bis einer sagte: Dann zahl ich es halt selber. Der Bürgermeister des Ortes ließ sie auf eigene Kosten bauen, zu Ehren der Muttergottes von Lourdes. Die vier Bauern von Dorf halfen mit ihren Pferdegespannen, ganz umsonst. So stand sie schließlich da, im Jahr achtzehnhundertvierundachtzig — nicht von der Kirche, nicht von der Gemeinde, sondern von einem Mann und seinen Nachbarn.
Jetzt geh hinein — wenn du das Glück hast, dass offen ist. Denn die Kapelle ist oft zugesperrt.
Der Altar ist keine geschnitzte Holzpracht. Es ist eine Grotte aus echten Tropfsteinen — nachempfunden dem französischen Lourdes, wo einem einfachen Mädchen die Muttergottes erschienen sein soll. Ein Stück Wunderglaube, mitten in den Bayerischen Alpen.
Und jetzt kommt das, weswegen ich dich hierher geschickt hab.
Schau der Madonna von vorne ins Gesicht. Nimm dir einen Moment.
Es wirkt jung. Friedlich. Fast unbeschwert.
Und jetzt geh ein paar Schritte zur Seite, hinten in die Ecke. Dreh dich noch einmal um … und schau sie von dort an.
Das Gesicht hat sich verändert. Von hier hinten wirkt es schmerzlich. Traurig. Jugend von vorne, Schmerz von der Seite — ein und dasselbe Gesicht.
Das ist kein Spiel des Lichts. Schon kurz nach der Aufstellung ist es aufgefallen, und man fragte sogar in der Werkstatt nach. Die Antwort: Das könne nicht einmal der Künstler selbst erklären. Es käme vielleicht nur auf einen einzigen Pinselstrich an — einen Pinselstrich zwischen Jugend und Schmerz.
Die Menschen hier haben dieser Madonna von Anfang an viel zugetraut. Davon zeugen bis heute die Votivtafeln an der Wand: kleine, oft selbst gemalte Bilder. Ein Dankeschön für eine überstandene Krankheit, einen heimgekehrten Sohn, eine Bitte, die in Erfüllung ging. Die ganz privaten Hoffnungen von Generationen aus diesem Tal — manche über hundert Jahre alt.
Diese Kapelle hatte nie einen großen Gönner, der sie berühmt gemacht hätte. Sie hat etwas Selteneres: ein Dorf, das sie über fast hundertvierzig Jahre nie hat fallen lassen.
Und mittendrin diese Madonna, die ihr Geheimnis bis heute für sich behält.
- 5Kapelle Osterhofen▶ Audio
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Diese Kapelle hier in Osterhofen ist von außen unscheinbar — aber sie hat an der Decke ein Geheimnis, das man fast nirgendwo sonst findet.
Und das Schöne ist: Anders als manch andere Kapelle hier ist sie im Sommer meistens offen. Also geh ruhig hinein.
Gebaut wurde sie im Jahr siebzehnhundertachtundneunzig — und zwar nicht von einer Baufirma und nicht von der Kirche. Die Leute aus dem Dorf haben sie selbst gebaut, abends, in den Feierabendstunden. Nach einem langen Arbeitstag sind sie noch hierhergekommen und haben Stein auf Stein gesetzt. Bezahlt wurde alles aus Spenden, die im Dorf gesammelt wurden.
Und jetzt der Grund, den Kopf in den Nacken zu legen.
Schau nach oben. An die Decke.
Dort ist ein gemaltes Bild zu sehen — und darauf ein Schiff.
Schau dir an, wer in diesem Schiff sitzt. Es sind keine Heiligen. Keine Engel. Es sind die Menschen, die diese Kapelle gebaut und bezahlt haben — die Stifter, die Gönner, die Arbeiter. Ganz vorne mit dabei: eine Wirtstochter aus dem Ort, eine der großzügigsten Stifterinnen.
Lass das einen Moment sacken. Die Leute, die hier abends nach der Arbeit Steine geschleppt haben, haben sich selbst an die Decke malen lassen. Nicht aus Eitelkeit — sondern weil sie sagen wollten: Das hier haben wir gebaut. Gemeinsam.
Und das Schiff ist kein Zufall. Ein Schiff ist ein uraltes Bild für die Gemeinschaft, die zusammenhält — alle im selben Boot, durch ruhige und durch raue Zeiten. Hier hat ein ganzes Dorf dieses Bild ganz wörtlich genommen.
Übrigens — dieselbe Hand, die hier oben gemalt hat, hat auch den Kreuzweg in der Kapelle von Geitau geschaffen. Es war eine kleine Welt damals. Man kannte sich, man half sich, dieselben Leute tauchen überall auf.
Beim Hinausgehen lohnt noch ein Blick auf den Altar. Der steht hier seit dem allerersten Tag — seit über zweihundert Jahren, unverändert. Während draußen Generationen kamen und gingen, ist er einfach geblieben.
Genau wie das Schiff an der Decke. Mit einer Mannschaft, die längst von Bord gegangen ist — aber für immer zusammen in einem Boot sitzt.
Tipp: Auf einen Eintrag in der Liste oder direkt in der Karte tippen.



