Treffpunkt Bayrischzell

Bayrischzell zu Fuß entdecken

Zehn Stationen, die zeigen, was in diesem Dorf alles steckt

Ortsspaziergang Bayrischzell

Zehn Stationen, die zeigen, warum dieses Dorf mehr Geschichte hat, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Bayrischzell ist klein. Rund 1.600 Einwohner, eine Hauptstraße, zwei Kirchen, fertig, könnte man meinen. Aber wer sich die Zeit nimmt und einmal aufmerksam durch den Ort geht, merkt schnell: In diesem Dorf steckt erstaunlich viel. Ein Trachtendenkmal, das an den ältesten Trachtenverein erinnert. Ein Kriegerdenkmal, das in der gesamten Region einmalig ist. Ein ehemaliges Bauernhof-Kino, in dem ich selbst noch als Kind Filme gesehen habe. Und ein Naturhotel, in dem Richard von Weizsäcker regelmäßig zu Gast war.

Dieser Spaziergang verbindet zehn solcher Orte, gemütlich, ohne Höhenmeter, in gut einer Stunde machbar. Hier sind meine zehn Stationen, so wie ich sie kenne.

1

Das Trachtendenkmal, der Startpunkt

Unser Spaziergang beginnt direkt neben dem Haus des Gastes, an einem kleinen Denkmal mit Brunnen. Man geht leicht daran vorbei, dabei steht man hier am Ursprung von etwas Großem: Bayrischzell gilt als die Wiege der Trachtenbewegung.

Angefangen hat alles an einem Sonntagabend im Jahr 1883. Ein paar Burschen saßen mit ihrem Lehrer Josef Vogl beim Bier und kamen auf die alte Gebirgstracht zu sprechen, die damals fast verschwunden war. Vogl meinte, er würde sie ja sofort wieder tragen, wenn er nicht der Einzige wäre. Einer nach dem anderen erklärte sich bereit mitzumachen, und Vogl sagte schließlich ganz dreist: „Wißt's was, gründ' ma an Verein!" Drei Wochen später gingen fünf Burschen und der Lehrer in kurzer Hose durchs Dorf, begafft von allen, und der erste Schritt einer Bewegung war getan, die sich später über ganz Bayern ausbreitete.

Das Denkmal selbst wurde 1933 zum 50. Vereinsjubiläum eingeweiht. Tracht ist in Bayrischzell bis heute lebendig, vor allem bei Festen und Umzügen sieht man sie häufiger denn je. Im Alltag wird es allerdings spürbar weniger, weil viele aus der älteren Generation, die ihre Alltagstracht noch ganz selbstverständlich getragen haben, inzwischen nicht mehr da sind. Umso wichtiger, dass der Verein die Tradition weiterträgt.

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Das neue Rathaus

Wo heute das Rathaus steht, stand über Jahrhunderte der „Stefflbauernhof", erstmals 1451 urkundlich erwähnt, benannt nach Stephan von Lippen, der hier um 1508 lebte. In den 1960er-Jahren wollte das Dorf moderner und für seine Gäste attraktiver werden, und so wich der alte Hof dem Neubau. 1966 wurde das heutige Rathaus eingeweiht. Ein Stück altes Bayrischzell verschwand, damit hier Platz für die Zukunft entstand.

Wer genauer hinschaut, dem fällt vielleicht eine Ähnlichkeit mit dem Rathaus in Bad Feilnbach auf, kein Zufall, beide stammen vom selben Architekten, Friedl Wegmann aus Neuhaus, der sich damals zum „Hausarchitekten der Gemeinde" entwickelte. Bei der Einweihung schrieb der Miesbacher Merkur, man müsse schon weit reisen, um in einer Gemeinde dieser Größe ein vergleichbares Haus zu finden.

Heute ist unter einem Dach einiges vereint: die Tourist-Info, die Gemeindebücherei, eine Kegelbahn, und das sogenannte „Salettl", ein schön gemachter Leseraum mit kleinen Arbeitsplätzen, an denen man in Ruhe arbeiten kann. Für ein Dorfrathaus ziemlich zeitgemäß.

3

Das Kriegerdenkmal

Kriegerdenkmäler gibt es in fast jedem bayerischen Dorf. Aber dieses hier ist anders, und das bewusst. Statt eines sterbenden Soldaten zeigt die Figur einen Sohn der Berge in Heimattracht: aufgekrempelte Hemdsärmel, Lederhose, Wadenstrümpfe. Sein Blick geht wehmütig hinauf zum Wendelstein, als nähme er Abschied von seiner Heimat, bevor er in den Krieg zieht.

Dass das Denkmal so aussieht, war alles andere als selbstverständlich. Die Idee, einen Bergler in Tracht statt eines heroischen Soldaten zu zeigen, stammte vom jungen Lehrer Michael Meindl. Im Dorf stieß sie zunächst auf Spott, man wollte ein „richtiges" Kriegerdenkmal und verhöhnte den Entwurf als „Kurzhösler-Denkmal". Meindl gab nicht auf: Er gewann erst den einflussreichen Grafen Schönborn, dann den zögernden Bürgermeister und schließlich den beliebten Ortspfarrer für seine Idee. Am Ende setzte sich der Gedanke durch, dass gerade hier, in der Wiege der Trachtenbewegung, ein solches Denkmal genau richtig sei.

Errichtet wurde es 1923, mitten in der Hyperinflation. Während der Bauarbeiten zerfiel das Geld so rasend, dass ein Wochenlohn anfangs ein paar Millionen Mark betrug und am Ende eine einzige Arbeitsstunde Milliarden kostete. Dass die Gemeinde das Denkmal trotzdem durchzog, finanziert über Spenden und Holzverkauf -, war ein echtes Kunststück und ein großes Opfer. Sogar der Stein gehört zur Heimat: Die Figur wurde aus einem mächtigen Findlingsblock gehauen, der oben auf der Geitauer Weide lag und den drei Bauern der Gemeinde schenkten.

Später kamen weitere Marmortafeln hinzu, 1952 für die Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkriegs, 1955 für die der Heimatvertriebenen. So erinnert das Denkmal bis heute an alle, die nicht zurückkehrten.

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4

Die Königslinde

1858 bestieg König Max II. den Wendelstein, und zur Erinnerung daran wurde diese Linde gepflanzt. Am 14. Juli jenes Jahres machte der König dem Dorf einen kurzen Besuch: Schon um halb neun in der Früh standen die Zeller Gebirgsschützen in voller Tracht bereit, dazu Sänger und halb Bayrischzell. Beim Aufstieg fragte der König einen Bauern aus dem Ort: „Du bist doch der König von Bayrischzell?", „Ja", sagte der trocken, „so heißen mich die Leute." Darauf der König: „Ich bin der König von Bayern, und du bist der König von Bayrischzell, dann darfst du mir auch mein Pferd hinunterführen." Und genau das tat er.

Dem König gefiel es so gut, dass der Stefflbauer vorschlug, an der Stelle, wo Max II. von seinem Pferd gestiegen war, eine Linde zu pflanzen. Aus dem Bäumchen von damals ist der mächtige Baum geworden, vor dem du heute stehst, mit einer kleinen bemalten Tafel am Stamm, die an den Tag erinnert.

In der Nähe beginnt der historische Maximiliansweg, der auf den Wendelstein führt, benannt nach dem König selbst. Mit etwa dreieinhalb Stunden Gehzeit und einigen anspruchsvollen Passagen ist er allerdings keine gemütliche Feierabendrunde, sondern eine ernsthafte Bergtour, die Kondition und Trittsicherheit verlangt.

5

Der Peterbauer & das Peterhof-Kino

Der Peterbauer ist seit dem 15. Jahrhundert urkundlich belegt. Doch das Erstaunliche an diesem Hof steckt nicht in seinem Alter, sondern in dem, was die Besitzerin Maria Hickethier in den 1950er-Jahren daraus machte.

Ein Kurort wie Bayrischzell brauchte Unterhaltung, die Gäste wollten an Regentagen etwas erleben. Erst gab es nur ein primitives Kino, doch Frau Hickethier entschloss sich zum Neubau eines modernen Lichtspieltheaters. Das Besondere: Sie stellte keinen nüchternen Zweckbau hin, sondern baute das Kino bewusst in ihren alten Bauernhof hinein, von außen ein ehrwürdiges Gehöft, innen ein modernes Kino, damals schon mit Cinemascope-Breitwand. Selbst verwöhnte Großstadt-Kurgäste staunten, dass es so etwas hier oben gab. Im ersten Stock gab es sogar eine Raucherloge für 16 bis 20 Personen, wo man bei Wein und Kaffee dem Film zuschauen konnte.

Ich habe hier selbst noch als Kind Filme gesehen. „Stand By Me" ist einer, an den ich mich gut erinnere. Lange lief hier auch „Der Bauerndoktor von Bayrischzell" mit Beppo Brem, Kult. Unten Holzstühle, an den Wänden bis heute Bilder alter Filmstars aus den 50ern bis 70ern. Alles echt rustikal und so, wie es damals war.

Und ein Detail, das kaum jemand kennt: Im Kinosaal steht eine echte Orgel. Als Frau Hickethier das Kino baute, hatte die Pfarrkirche gerade eine neue Orgel angeschafft, die alte, 80 Jahre lang gespielt, war übrig. Statt sie zu verschrotten, ließ Frau Hickethier sie ins Kino einbauen. Dort steht sie bis heute: erst zur Ehre Gottes, dann zur Ehre des Films.

Irgendwann war Schluss. Die zunehmende Digitalisierung der Kinotechnik machte den Betrieb für einen kleinen Dorf-Kino-Betreiber unwirtschaftlich, andere Stimmen sagen, am Ende gaben auch Brandschutzvorgaben den Ausschlag. Heute wird das Kino nur noch gelegentlich für Kulturveranstaltungen genutzt, eher einmal im Jahr als regelmäßig.

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Die Rosenkranzkapelle

Die Rosenkranzkapelle liegt etwas außerhalb des Ortskerns, in der Nähe des Kneipp-Parks am Bergfeld. Der kleine Umweg lohnt sich, nicht nur wegen der Kapelle selbst, sondern wegen des Mannes, der sie baute: Graf Clemens von Schönborn. Ein Adliger aus großer Familie, der eigentlich am liebsten ein einfacher Bayrischzeller gewesen wäre, warum, das erzählt der Audioguide hier auf der Seite.

1913 ließ der Graf die Kapelle unter einem großen Ahorn am Rand seines Besitzes zu Ehren der Rosenkranzkönigin errichten. Der Innenraum wurde vom Kunstmaler Graf Angelo von Courten ausgemalt. Am Altar steht eine fein geschnitzte Muttergottesstatue im Riemenschneider-Stil, gefertigt von Ammergauer Schnitzern. Der Rosenkranz dazu soll aus Palästina stammen und von Papst Leo XIII. persönlich geweiht worden sein, für eine so kleine Kapelle eine erstaunliche Geschichte. Eingeweiht wurde sie am ersten Rosenkranzsonntag 1913, unter der Bedingung, dass die Familie Schönborn die Kapelle für alle Zukunft erhält.

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Die Trachtenkapelle

An der Lehrer-Vogl-Straße steht eine kleine Votivkapelle, und sie erzählt mehr, als ihre Größe vermuten lässt.

Gebaut wurde sie 1982, eingeweiht am 24. April 1983, zum 100-jährigen Bestehen des Bayrischzeller Trachtenvereins. Das Besondere: Keine Baufirma war am Werk. Die Mitglieder errichteten sie selbst, Hand in Hand, bis hinauf zu den Holzschindeln am Dach.

Dass sie ausgerechnet an der Lehrer-Vogl-Straße steht, ist kein Zufall. Josef Vogl war der Dorflehrer, der den Verein 1883 ins Leben rief. Das Trachtendenkmal an der Kirche feiert diesen Anfang, die Kapelle, hundert Jahre später von Hand gebaut, zeigt, dass die Sache lebendig geblieben ist.

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Die evangelische Heilig-Geist-Kirche

Eine evangelische Kirche mitten im katholischen Bergdorf, und bezahlt haben sie Amerikaner.

In den 1950er-Jahren zählte die evangelische Gemeinde in Bayrischzell nur rund 450 Seelen, viel zu wenige für einen eigenen Kirchenbau. Den Anstoß gab eine US-amerikanische Aktion, die im Kalten Krieg quer durch Europa Kirchen errichtete: als Friedenszeichen und als Bollwerk gegen den Kommunismus. Rund 86.000 der insgesamt 95.000 Mark Baukosten kamen aus dieser amerikanischen Spende. Den Bauplatz an der Professor-Kleiber-Straße hatte bereits 1940 die Stifterin Theodora Scharmann erworben.

Grundstein 1954, geweiht 1955. Entworfen hat den Bau der Neuhauser Architekt Hans Schuhmann, wobei der Turm am Ende ganz anders aussah, als er ihn zuerst geplant hatte. Und bei der Einweihung erlebte das katholische Dorf einen Moment, mit dem kaum jemand gerechnet hätte.

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9

Die Tannermühle

Eines der ältesten Anwesen Bayrischzells, versteckt in einer Klamm am Fuß des Wendelsteins, direkt neben einem acht Meter hohen Wasserfall.

Ihren Namen trägt sie vom Tannerbauern, dessen Getreidemühle hier einst stand; das heutige Gebäude geht auf rund 1700 zurück. Als das Mahlen endete, trieb die Wasserkraft über eine Turbine noch jahrzehntelang eine Werkstatt an, bis der Betrieb in den 1960er-Jahren elektrifiziert wurde. Heute beherbergt die Tannermühle ein rustikales Dorfbad.

Doch die eigentliche Geschichte des Ortes ist fast tausend Jahre alt: Hier sollen sich die ersten Einsiedler niedergelassen haben, und ihr Rückzug hängt enger mit dem Namen Bayrischzells zusammen, als man denkt. Wer am Wasserfall genau hinschaut, entdeckt noch heute die Spur ihres Verstecks.

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10

Der Tannerhof, der Endpunkt

Hoch über Bayrischzell, am Waldhang, liegt einer der ungewöhnlichsten Orte der Gegend: ein einst armer Bergbauernhof, der vor über hundert Jahren zum Sanatorium wurde.

1905 kauften der Lungenarzt Christian von Mengershausen und seine Frau Barbara das leerstehende Anwesen, einst der Hof des Tannerbauern, zu dem auch die Tannermühle gehörte. Inspiriert von der „Zurück zur Natur"-Bewegung und der Naturheilkunde Pfarrer Kneipps gründeten sie das Kurheim Tannerhof, mit einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Behandlungsidee, die bis heute weiterlebt.

Vier Generationen von Ärzten führten den Hof seither: vom Heilfasten über einen biodynamischen Garten bis zum heutigen Naturhotel mit seiner preisgekrönten Holzarchitektur.

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Lust auf den Spaziergang?

Zehn Stationen, gut eine Stunde, keine Höhenmeter, und danach wisst ihr mehr über Bayrischzell als die meisten Einheimischen. Am besten kombiniert mit einem Kaffee im Ort oder einem Abstecher zur Tannermühle.

Beim Laden der Karte werden Daten an OpenStreetMap übertragen.

  1. 1Trachtendenkmal▶ Audio
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    Der Spaziergang beginnt hier, neben dem Haus des Gastes, an einem kleinen Denkmal mit Brunnen. Man geht leicht daran vorbei. Aber an genau diesem Punkt fing etwas an, das halb Bayern prägen sollte.

    Zurück ins Jahr achtzehnhundertdreiundachtzig. Ein Sonntagabend, ein paar Burschen aus dem Ort sitzen mit ihrem Lehrer beim Bier. Sie reden über dies und das — und kommen auf die alte Tracht. Die war nämlich am Verschwinden. Die kurze Lederhose, den grünen Hut — das trug damals fast keiner mehr. Nur noch ein einziger Jäger, und der höchst selten.

    Der Lehrer, Josef Vogl, sagt: Wenn er nicht der Einzige wäre, würde er sich sofort wieder so eine Tracht zulegen. Da fühlen sich die Burschen ertappt — einer nach dem anderen sagt: dann mach ich mit. Und Vogl, ganz dreist, haut den Satz raus, mit dem alles anfing:

    „Wißt's was — gründ' ma an Verein!"

    Gesagt, getan. Schon am nächsten Tag wird der Säcklermeister aus Miesbach bestellt, um die Lederhosen zu nähen. Und drei Wochen später, nach dem Sonntagsgottesdienst, gehen fünf Burschen und der Lehrer in kurzer Hose und grünem Hut durchs Dorf. Die Leute deuten mit dem Finger auf sie. Aber das kümmert keinen — jeder weiß ja, dass er für eine gute Sache einsteht.

    Was an diesem Bierabend entstand, machte Bayrischzell zur Wiege der Trachtenbewegung. Aus dieser einen Runde wuchs etwas, das sich über ganz Bayern ausbreitete — vom Bodensee bis zum Watzmann, am Ende über sechshundert Vereine. Und angefangen hat alles hier, an diesem Ort.

    Das Denkmal vor dir wurde fünfzig Jahre später errichtet, zum Jubiläum des Vereins. Aber die eigentliche Geschichte ist die von dem Lehrer, der seine Schüler beim Bier dazu brachte, in kurzer Hose durchs Dorf zu gehen — und damit eine Tracht rettete, die sonst längst verschwunden wäre.

    Tracht ist hier bis heute lebendig. Bei jedem Fest, jedem Umzug. Sie ist nicht im Museum gelandet — sie wird getragen. Und das geht zurück auf diesen einen Abend, auf diesen einen Satz: Gründ' ma an Verein. Hier, in der Wiege der Trachtenbewegung.

  2. 2Neues Rathaus
  3. 3Kriegerdenkmal▶ Audio
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    Schau dir die Figur an. Kein Soldat. Sondern ein Mann der Berge, in Heimattracht: aufgekrempelte Hemdsärmel, kurze Lederhose, Wadenstrümpfe. Einer wie von hier. Er nimmt Abschied und zieht in den Krieg, um diese Heimat zu schützen.

    Dass er so dasteht und nicht als sterbender Krieger, war alles andere als selbstverständlich. Die Idee stammte von einem jungen Lehrer, Michael Meindl. Er wollte kein heroisches Soldatendenkmal, sondern einen Sohn der Berge, der schweren Herzens von seiner Heimat Abschied nimmt.

    Im Dorf kam das nicht gut an. Die Leute wollten ein richtiges Krieger-Denkmal — und spotteten über Meindls Entwurf. Ein „Kurzhösler-Denkmal" nannten sie es abfällig. Einen in kurzer Hose, wo doch ein Held in Uniform hingehöre.

    Meindl gab nicht auf. Er gewann erst den einflussreichen Grafen Schönborn für seine Idee, dann den Bürgermeister, der lange zögerte. Und als das fertige Modell dastand und der beliebte Pfarrer sich dafür aussprach, kippte die Stimmung. Man sagte sich: Gerade hier, am Geburtsort der Trachtenerneuerung, da passt so ein Denkmal vielleicht sogar am besten.

    Und es kam noch etwas dazu, das man der Figur heute nicht ansieht. Gebaut wurde sie neunzehnhundertdreiundzwanzig — mitten in der großen Inflation, als das Geld über Nacht zerfiel. Zu Beginn der Arbeiten verdiente man in der Woche ein paar Millionen Mark. Am Ende kostete eine einzige Arbeitsstunde Milliarden. Trotzdem zog das Dorf es durch — über Spenden, über Holzverkauf, mit ungeheurem Opfer. Sie wollten ihren gefallenen Heimatsöhnen unbedingt eine würdige Erinnerung setzen. Und sie haben es geschafft.

    Sogar der Stein gehört zur Heimat. Die Figur wurde aus einem mächtigen Findlingsblock gehauen, der oben auf der Geitauer Weide lag. Drei Bauern schenkten ihn der Gemeinde. Der Bergler ist also buchstäblich aus dem Fels der Berge gemacht, von denen er Abschied nimmt.

    Und jetzt mach das, was die Figur tut. Heb den Blick — hinauf zum Wendelstein.

    Genau dorthin schaut der Mann. Zum Vater Wendelstein, wie es damals hieß. Ein letzter Blick auf den Berg, der über allem steht, bevor er geht.

    Das ist es, was dieses Denkmal so besonders macht. Es zeigt keinen Helden. Es zeigt einen von hier — der seine Heimat so sehr liebte, dass er für sie ging. Und der nie mehr zurückkam.

  4. 4Königslinde
  5. 5Peterhof-Kino▶ Audio
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    Jetzt meld ich mich wieder selbst — hier ist der Michi. Diese Station erzähl ich dir lieber persönlich, weil ich sie wirklich von innen kenne.

    Schau dir dieses Haus an. Heute geht man dran vorbei wie an einem ganz normalen alten Hof. Aber da drin steckt ein Kino. Ein echtes, altes Dorfkino — und ich hab als Kind selber drin gesessen.

    Dass es das überhaupt gibt, hat mit einer Frau zu tun: Maria Hickethier, der das Anwesen gehörte. In den fünfziger Jahren wollten die Leute im Ort ein richtiges Kino — die Einheimischen und vor allem die Kurgäste, die an Regentagen was erleben wollten. Frau Hickethier hätte einfach einen Zweckbau hinstellen können. Hat sie aber nicht.

    Sie hat das Kino bewusst in ihren alten Bauernhof hineingebaut. Mit dem Charakter des alten Gehöfts, nicht dagegen. Von außen Bauernhaus — drinnen ein modernes Lichtspieltheater, damals sogar schon mit Breitwand, mit Cinemascope. Sogar verwöhnte Großstadt-Gäste haben gestaunt, dass es so was hier gibt. Und im ersten Stock — eine echte Raucherloge, wo man bei einem Glas Wein und einem Kaffee den Film schauen konnte.

    Und genau in diesem Kino hab ich als Bub gesessen. „Stand By Me" — daran erinnere ich mich heute noch. Lange lief hier auch „Der Bauerndoktor von Bayrischzell" mit dem Beppo Brehm, das war Kult. Holzstühle, an den Wänden die Fotos der alten Filmstars aus den Fünfzigern und Sechzigern. Alles echt, alles wie damals.

    Und jetzt schau dich mal um — nach der Orgel. Ja, einer echten Orgel, hier im Kino. Die Geschichte dahinter ist schön: Als Frau Hickethier das Kino baute, kaufte die Pfarrkirche gerade eine neue Orgel — und die alte, die achtzig Jahre lang in der Kirche gespielt hatte, war übrig. Was macht man damit? Man baut sie ins Kino ein. Und da steht sie bis heute.

    Irgendwann war Schluss mit dem Peterhof Kino. Die moderne, digitale Kinotechnik hat sich für so ein kleines Dorfkino einfach nicht mehr gerechnet — und am Ende sollen auch Brandschutz-Vorgaben den Ausschlag gegeben haben. Heute läuft hier nur noch selten was, vielleicht einmal im Jahr zu einer Kulturveranstaltung.

    Aber wer einmal reinschauen darf, der sieht es sofort: Das ist kein Kino wie heute. Das ist ein Stück Zeit, das einfach stehengeblieben ist. Und wenn ich da reingeh, bin ich sofort wieder der Bub auf dem Holzstuhl, der gebannt auf die Leinwand schaut.

  6. 6Rosenkranzkapelle▶ Audio
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    Ein kleines Stück außerhalb des Ortskerns, in der Nähe des Kneipp-Parks, steht eine kleine Kapelle. Der kleine Umweg lohnt sich — und zwar nicht nur wegen der Kapelle selbst, sondern wegen des Mannes, der sie gebaut hat.

    Das war Graf Clemens von Schönborn. Ein Adliger, ja — aus einer Familie, aus der Kardinäle und Fürstbischöfe hervorgingen, mit einer glänzenden Laufbahn beim Militär. Aber das ist nicht, woran sich die Bayrischzeller erinnern.

    Sie erinnern sich an einen Mann, der eigentlich am liebsten einer von ihnen gewesen wäre. Der beim Bau seines Hauses selbst mit Hand anlegte. Der zu seinem achtzigsten Geburtstag nicht etwa vornehm feierte, sondern das ganze Dorf in seinen Park einlud, zu einem richtigen Volksfest. Und der einmal, mitten im Krieg, sagte: Wenn das alles vorbei ist, dann will ich als alter Mann hier in der Zell mein Gemüse und meinen Garten anbauen — und einfach wieder bei euch sein dürfen.

    So einer war er. Und im Jahr neunzehnhundertdreizehn baute er hier, unter einem großen Ahorn am Rand seines Besitzes, diese Kapelle — zu Ehren der Rosenkranzkönigin.

    Geh ruhig hinein, sie ist tagsüber meist offen. Drinnen ist sie überraschend kunstvoll für ihre Größe. Die Wände hat ein Kunstmaler ausgemalt. Und am Altar steht das Herzstück: eine fein geschnitzte Figur der Rosenkranzkönigin, gefertigt von Schnitzern aus Oberammergau, nach dem Vorbild der alten Meister.

    Schau dir die Figur einen Moment an. Für so eine kleine Dorfkapelle ist das ein erstaunlicher Schatz.

    Der Graf starb am Neujahrstag neunzehnhundertachtunddreißig, dreiundachtzig Jahre alt — fast im selben Moment, als ihm sein Sohn von einem Skispringen berichtete, das nach ihm benannt war. Mit ihm ist die Familie hier ausgestorben. Sein altes Landhaus gibt es längst nicht mehr; heute stehen an seiner Stelle die Ferienappartements Schönbrunn.

    Geblieben ist diese Kapelle. Das Vermächtnis eines Grafen, der lieber ein Bayrischzeller gewesen wäre — und den die Bayrischzeller bis heute als einen der Ihren in Erinnerung haben.

  7. 7Trachtenkapelle
  8. 8Evangelische Kirche▶ Audio
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    Du stehst vor einer Kirche, die es hier eigentlich nicht geben dürfte.

    Ein katholisches Bergdorf — und mittendrin eine evangelische Kirche.

    Lange waren die Evangelischen hier nur eine winzige Schar. Vierhundertfünfzig Seelen. Viel zu wenige, um sich jemals eine eigene Kirche leisten zu können.

    Dass sie trotzdem eine bekamen — verdanken sie Amerika.

    In den fünfziger Jahren zogen amerikanische Christen aus, um quer durch Europa Kirchen zu bauen. Ein Zeichen für den Frieden — und, mitten im Kalten Krieg, ein Bollwerk gegen den Kommunismus.

    Eine Frau aus dem Dorf brachte den Stein ins Rollen. Über ihren Sohn entstand die Verbindung zu dieser amerikanischen Gesellschaft.

    Und die zahlte — sechsundachtzigtausend Mark. Fast die ganzen Baukosten. Gespendet von Amerikanern, für ein Dorf, das die meisten von ihnen nie gesehen haben.

    Den Bauplatz hatte schon Jahre zuvor eine Stifterin gesichert. Mitten im Krieg — neunzehnhundertvierzig — kaufte sie das Grundstück.

    Sogar das Aussehen war ein Streit.

    Der Architekt wollte ein liebliches Kirchlein — mit Zwiebelturm, ganz bayerisch.

    Den Amerikanern war das zu weich. Sie wollten es streng. Klar. Schlicht.

    Gewonnen haben die Amerikaner.

    Heb den Blick zum Turm. Spitz — kein Zwiebelturm. Genau so, wie sie es wollten.

    Am Dreifaltigkeitssonntag neunzehnhundertfünfundfünfzig wurde geweiht.

    Und jetzt kommt das Schönste.

    Durch den fahnengeschmückten Ort zog ein Festzug. Voran ein Bub mit dem Kreuz. Dahinter die Musikkapelle, die Trachtler, der Bürgermeister mit dem ganzen Gemeinderat.

    Und es sang — der katholische Kirchenchor.

    Das katholische Dorf feierte die Kirche der anderen mit.

    Wenn die Tür offen ist — geh hinein.

    Schau nach Osten, auf das hohe Glasfenster. Zwei Gestalten — Petrus und Johannes. Von der Seite fällt das Licht in breitem Strom herein, über den Altar und die Bänke.

    Manche Mauern trennen Menschen.

    Diese hier — haben alle zusammen gebaut.

  9. 9Tannermühle▶ Audio
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    Hörst du den Wasserfall?

    Genau hier — an diesem Wasser — beginnt der Name des ganzen Dorfes.

    Vor fast tausend Jahren — so erzählt es die Chronik — zogen sich zwei Männer in diese Waldeinsamkeit zurück. Otto und Adalbert. Einsiedler, die nichts wollten außer Stille.

    Einer von ihnen soll am Bach gehaust haben. In einer kleinen Klause — genau hier, neben dem stürzenden Wasser.

    So eine Mönchszelle nannte man früher schlicht — eine Zell.

    Und von solchen Zellen trägt das Dorf da oben bis heute seinen Namen.

    Bayrisch-zell.

    Jahrhunderte später kam das Wasser zu neuer Arbeit.

    Ein Bauer baute hier seine Mühle — und dasselbe Wasser, das dem Einsiedler die Stille gab, drehte jetzt die Mühlsteine und mahlte das Korn.

    Und es hörte nicht auf. Als die Mühle verstummte, trieb das Wasser eine Turbine — und eine Werkstatt, bis weit in die sechziger Jahre.

    Tausend Jahre lang hat dieses eine Wasser hier alles angetrieben.

    Geh auf die Brücke. Stell dich ans Geländer.

    Vor dir — acht Meter Wasserfall. Spür, wie die Luft kühler wird.

    Und jetzt schau nach unten, an den Fels. Irgendwo dort, in einer Höhle neben dem tosenden Wasser, soll der Einsiedler gehaust haben.

    Stell dir das vor. Kein Dorf, kein Weg, kein Lärm. Nur ein Mann, der nackte Fels — und dieses Rauschen, Tag und Nacht.

    Die Menschen kommen seit tausend Jahren an diesen Ort. Für das eine, was das Wasser hier schenkt.

    Ruhe.

    Daran — hat sich bis heute nichts geändert.

  10. 10Tannerhof▶ Audio
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    Schau den Waldhang über dir hinauf — zu den kleinen Holzhütten.

    In einer davon haben fremde Menschen geschlafen. Bei offenem Fenster. Mitten im Winter.

    Und das war ärztlich verordnet.

    Hier oben stand einmal ein armer Bergbauernhof. Karg, abgelegen, am Ende leer.

    Dann —1905 — kaufte ihn ein Lungenarzt.

    Er glaubte an etwas, das damals fast verrückt klang. Dass die beste Medizin nicht in der Apotheke steht — sondern hier draußen. In der Höhenluft. Im Wald. In der Stille.

    Also baute er Hütten an den Hang. Lufthütten.

    Wer krank war, wer erschöpft war, wer einfach nicht mehr konnte — der kam herauf und atmete.

    Über allem stand sein Leitspruch. Ein alter Vers:

    Mensch — werde wesentlich.

    Diese Idee ist nie gestorben.

    Vier Generationen, alle Ärzte, haben sie weitergetragen. Das Heilfasten.

    Aus dem armen Hof war längst ein berühmter Ort geworden. Sogar ein Bundespräsident kam über Jahre immer wieder hier herauf.

    Schau noch einmal zu den Hütten am Hang.

    Stell dir vor, du liegst dort oben. Kein Handy. Kein Lärm. Nur kühle Bergluft — und das Rauschen der Bäume.

    Seit über hundert Jahren suchen Menschen genau das hier.

    Der Hof hat das Dorf früher mit Korn versorgt.

    Heute gibt er den Menschen etwas, das viel schwerer zu bekommen ist — die Erlaubnis, wieder wesentlich zu werden.

Tipp: Auf einen Eintrag in der Liste oder direkt in der Karte tippen.

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